Die Schwalbe – allgegenwärtig von Mai bis September
Aus EUGEN ROTHS TIERLEBEN:
Die Schwalbe wirkt auf uns poetisch,
man ehrt sie oft wie einen Fetisch
und hält es für ein großes Glück,
kehrt sie ins alte Nest zurück.
Sie kommt erst im April und Mai,
meist einzeln, höchstens zwei bis drei;
das alte Sprichwort meint deshalb,
den Sommer macht nicht eine Schwalb‘.
Und oft schon im August, im späten,
sitzt sie zu Tausenden auf Drähten,
die Urbica und Rustica,
laut zwitschernd reiselustig da.
Die Urbica, die Mehl-, Dach-, Haus-,
ist kleiner und schaut schwarzweiß aus.
Die große Rustica, auch Rauch-,
ist blauschwarz, rostrot, weiß am Bauch.
Von Schwalben trennt ein strenger Regler
die Mauerschwalb‘, als echter Segler.
Doch sind sie alle kurz beschnabelt,
spitzflügelig und schwanzgegabelt,
und tun sich, kümmerlich von Zehen,
schwer mit dem Gehen und dem Stehen.
Wenn hoch sie oder niedrig fliegen,
heißt’s, dass wir and’res Wetter kriegen.
Vom Nest der Schwalbe noch ein Wörtel:
Sie macht mit Speichel an den Mörtel:
Ein festes Haus hat seinen Nutzen:
Es braucht nur jährlich frisch Verputzen.
Eine Schwalbe bringt noch keinen Sommer"
Dies ist richtig, denn im April, wenn die ersten Vögel aus ihren Überwinterungsquartieren in Afrika bei uns in Rheinhessen eintreffen, wird es zumindest nachts oftmals noch empfindlich kalt.
Wie jedes Jahr kommen im Frühjahr die Schwalben wieder an ihren Geburtsort zurück und suchen ihre alten Nester auf. Doch jedes Jahr werden die kunstvoll und mit viel Mühe unter den überstehenden Dächern angebrachten halbkugeligen Mörtelnester weniger. Bei Renovierungsarbeiten an den Fassaden werden die Nester oft entfernt. Dabei könnten die Bewohner im Haus und die Gäste draußen ohne Konflikte miteinander leben. Findige Naturfreunde bringen ein 20 cm schmales Holzbrettchen etwa 60 Zentimeter unter dem Nest an und schützen so die Fassade ihres Hauses vor Verschmutzungen, die bei der Aufzucht der bis zu 5 Jungtieren zählenden Brut zwangsläufig entsteht. Im Gegenzug für ihre Duldung jagen die Tiere meisterlich mit weit aufgerissenem Schnabel (to swallow = engl. verschlucken) den ganzen Tag über kleine Insekten. In einem Mehlschwalbenmagen fanden Wissenschaftler über 300 Mücken und Schnaken.
Im Bereich von Nackenheim sind derzeit noch viele Schwalbennester vorhanden. Die Tiere finden im Gebiet des Rothenberghang, im Unterfeld und auf den beiden Rheininseln in Wegpfützen und am Uferrand noch genügend Nistmaterial um ihre Brutstätten zu gründen oder alte aus dem Vorjahr zu renovieren. Dabei werden durchaus auch Häuser der Neubaugebiete besiedelt, wenn die Fassaden einen geeigneten rauen Putz aufweisen.
Durch die intensive Landnutzung können die Tiere nur noch im Bereich der Ortschaften siedeln. Werden die Nester der durch die Bundesartenschutzverordnung geschützten Tiere durch uneinsichtige Bürger abgeschlagen, so verlieren die Schwalben durch den Neubau wertvolle Zeit und Energie, die sie für die Aufzucht der hilflosen Jungtiere dringend benötigen.
Deshalb stellt das Entfernen der Nester eine bußgeldpflichtige Ordnungswidrigkeit dar. Weiter sind die Tiere durch den teilweise übertriebenen Einsatz von Spritzmitteln in der Landwirtschaft gefährdet. Sie nehmen die Gifte direkt oder über die Nahrung auf und können noch nach Wochen und Monaten daran verenden.
Unser aller Interesse sollte es sein, die aktuellen Bestände der Schwalben in unserer Heimatgemeinde zu erhalten und zu fördern. Auf dass auch in Zukunft große Schwalbenschwärme den Abendhimmel bevölkern oder bei drohendem Regen dicht über dem Rhein jagen. Einfacher und preiswerter können wir den Schutz vor der Schnakenplage nicht bekommen.
Wie kann ich Schwalben helfen?
Das natürliche Nistmaterial von Mehlschwalben besteht aus Lehm, feuchtem Erdmaterial und Schlick vermischt mit Speichel, Haaren und Grashalmen. Lehm ist in unserer asphaltierten Welt jedoch Mangelware, ebenso wie raue Fassaden.
Dem Mangel an Baumaterial können eine Lehmpfütze im Garten oder ein mit Lehm randvoll gefüllter Behälter Abhilfe schaffen. Eine solche Pfütze sollte eine Fläche von mindestens einem halben Quadratmeter haben. Besser angenommen wird sie jedoch, wenn sie größer ist. Wichtig ist, dass der Lehm immer feucht ist.
Die Pfütze sollte möglichst etwas entfernt von Büschen, Sträuchern und Bäumen angelegt werden. Nur so fühlen sich die Schwalben sicher vor Katzen und anderen Feinden.
Die Schwalbenpfütze sollte Mitte bis Ende April fertig sein, da die Schwalben häufig schon zu dieser Zeit mit dem Nestbau beginnen.
Wenn es in Ihrem Garten oder im näheren Umkreis Ihres Hauses keine Möglichkeit gibt, eine Lehmpfütze für Schwalben anzulegen, oder aber die Hausfassade zu glatt ist, dann ist eine künstliche Nisthilfe oft die beste Alternative.
Da Mehlschwalben gerne in Kolonien leben, sollten - wenn irgend möglich - immer mehrere (mindestens 2) Kunstnester angebracht werden.
Deshalb werden viele Nisthilfen auch als Doppelnest angeboten, die am besten direkt unter einem Dachvorsprung angedübelt werden. Mindestens 30 cm darunter sollte ein 20–25 cm breites Kotbrett angebracht werden, um die Hauswand, die Fensterbretter und den Hauseingang sauber zu halten.
Kurzportrait: Mehlschwalbe (Delichon urbica)
Merkmale: 13 cm große, schlanke Schwalbe mit gegabeltem Schwanz ohne Schwanzspieße;
Oberseite metallisch blauschwarz; Kinn, Kehle und Unterseite und Füße weiß, ebenso der im Flug auffällige Bürzel.
Verbreitung: Eurasien außer Japan, Nordafrika; nicht in Waldgebieten und im Gebirge;
Langstreckenzieher (April-September/Oktober), Winterquartier Afrika südlich der Sahara
Lebensraum: Dörfer und ländliche Stadtränder mit umliegendem Kulturland, Felswände (= Ursprungshabitat).
Nahrung: Kleine Fluginsekten.
Lebensweise: Fortpflanzung Mai–September, 2–3 Bruten, Gelege 4–5 Eier, Brutdauer 12–13 Tage, Nestlingszeit 16–23 Tage. Nistweise: in Kolonien an (selten in) Gebäuden unterm Dach sowie unter Brücken und an Felsen; Nest bis auf ein halbrundes Einflugloch geschlossene Halbkugel aus Lehmklümpchen mit wenig Pflanzenfasern; Eltern teilen sich Brut und Jungenaufzucht.
Bettina Sanders FÖJ VLN & BG NATUR
